Viel Spaß bei den ersten beiden Kapiteln.

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I  Unfall

„Du bist tot.“, hörte ich eine fremde Stimme sagen. Mir war schwindelig. In meinem Kopf schwirrte es. Wer war das? „Hanna, hörst du nicht? Du bist tot.“ Wie bitte? Ich war gemeint? Tot? Ich? Was sollte das? Wo war ich? Meine Augen waren verschlossen. Mir fehlte die Kraft, meine Lider zu bewegen. Dann rüttelte jemand an mir. Ich reagierte nicht. Eine flache Hand schlug mir ins Gesicht. Unverschämtheit! Aber es half. Ich riss die Augen auf. Nur eine Handbreit über meinem Gesicht starrten mich zwei große, blaue Augen an. Darin erkannte ich flatternde Schmetterlinge. 

„Na endlich, Hanna. Komm, steh auf.“, forderte das Mädchen mit den wundersamen Augen. Sie nahm meine Hand und zog mich hoch. „Was bist du denn für ein Freak?“, wollte ich wissen. Die Fremde hatte eine Glatze, trug einen Schlafanzug aus braunem Frottee und lief barfuß. „Ich bin Babs und ab sofort deine Freundin.“, erklärte sie schlicht. Schlichte Leute konnte ich nicht ausstehen. „Moment mal. Immer schön langsam. Ich kenne dich doch gar nicht. Was willst du von mir?“„Ich brauche deine Hilfe. Und du brauchst meine Hilfe.“, offenbarte sie mit einem Grinsen. Sie hatte eine Zahnlücke zwischen den oberen Schneidezähnen. Ich musste an einen Hasen denken.

„Nein danke, wie war noch mal dein Name?“ „Babs.“ „Nein danke, Babs. Kein Bedarf. Ich muss jetzt nach Hause. Ich brauche keine Hilfe.“ „Offensichtlich verstehst du den Ernst der Lage nicht. Du kannst nicht nach Hause gehen. Nie mehr.“ „Und warum nicht?“ Das Mädel nervte langsam. „Weil du tot bist. Ich sagte es bereits.“

„Ja, richtig. Du sagtest es bereits. Und außerdem bist du voll daneben. Also, dann mal Tschüss.“ Ich drehte mich zum Gehen und sah die ganze Katastrophe: Mein lebloser Körper lag auf dem Asphalt. Arme und Beine waren verdreht. Mein Blick stierte zum Himmel. Ein Krankenwagen parkte neben mir. Ein paar Autos hatten sich gestaut. Schaulustige reckten ihre Hälse. Ein totes Mädchen sieht man schließlich nicht alle Tage. Die Sanitäter bereiteten meinen Abtransport vor. Sie arbeiteten mit Ruhe. Es eilte ja nicht mehr.

Ich war geschockt und betrachtete starr das Geschehen. „Jemand hat dich vor zwanzig Minuten überfahren. Fahrerflucht. Es tut mir leid, Hanna.“ Tröstend legte sie den Arm um meine Schultern. „Fass mich nicht an.“, schrie ich.  „Ich weiß Hanna. Am Anfang ist es immer schwer.“ „Was denn für ein Anfang? Tot ist tot. Und tot zu sein ist das Ende!“  „Du musst nicht gleich persönlich werden. Ich mache hier auch nur meinen Job.“ „Was bist du denn von Beruf? Ein Geist? Ein Engel? Ein Bote des Teufels?“, spottete ich.  „Ich bin ein Mensch. Ein toter Mensch - so wie du.“ „Aha, alles klar. Du gehörst doch in die Klapse.“ „Es ist immer dasselbe mit dir, Hanna.“ „Wie bitte?“, reagierte ich entsetzt. „Ach, ist schon gut. Du wirst es noch verstehen.“, winkte sie ab und lächelte.

Diese Glatzköpfige war womöglich gemeingefährlich. Total verrückt. Das konnte doch alles nicht wahr sein. Insgeheim hoffte ich, jeden Moment aus einem Albtraum zu erwachen. Aber tief in meinem Herzen spürte ich, dass Babs recht hatte. Ich war in einer anderen Realität angekommen. An einem Ort, von dem ich nichts wusste. Einem Ort, der nichts mit dem Bild vom Himmelreich zu tun hatte.

„Wo bin ich?“, wollte ich einfach nur wissen. Babs nahm meine Hände und atmete einmal kräftig durch. „Liebe Hanna. Herzlich willkommen im Nebenraum der Erde, der Parallelwelt für Tote. Auch du wirst dich hier wohlfühlen.“, verkündete sie pathetisch. Ihre Hasenzähne verstärkten den freudigen Unterton ihrer Botschaft. „Kommt gleich noch ein Werbefilm für Beerdigungsinstitute?“, machte ich mich über ihren einstudierten Begrüßungstext lustig.

„Nein, Bestattungen fallen ausschließlich in den Aufgabenbereich der Lebenden. Damit haben wir nichts zu tun.“ „Womit denn dann? Macht ihr die Spezialeffekte in der Geisterbahn?“ Das hat gesessen. 1:0 für mich. „Es gibt nur eine Sache, die wir herstellen.“, entgegnete sie gelassen. „Da bin ich aber mal gespannt.“ „Das kannst du auch sein. Schließlich bist du jetzt ein Teil des Ganzen. Auch du bekommst deine Aufgabe.“ „Ach so?“ „Ach ja.“ „Ich nehme an, ich habe keine Wahl.“ „So ungefähr.“ „Also dann lüfte das Geheimnis. Was stellt ihr her?“ „Das Gleichgewicht.“ „In Handarbeit oder bereits maschinell?“ Die Glatze hatte eindeutig einen Vogel.

„Typisch Hanna. Aber dein Spott bringt dich nicht weiter. Wir reden später. Jetzt müssen wir schnell verschwinden. In einer Stunde wird es dunkel.“ „Ah. Ich verstehe. Geisterstunde.“ „Nein. Du verstehst nichts. Noch nicht.“

 

II  Fernsehturm

Babs schnappte sich meine rechte Hand und rannte los. Nach wenigen Metern war sie unfassbar schnell. Sie zog mich hinter sich her. Meine Beine konnten nicht mehr Schritt halten. Ich verlor die Bodenhaftung und schwebte. Nein. Ich flog. Blitzschnell. Es war berauschend. Ich musste kichern. Meine üble Laune löste sich in Luft auf. „So, nun versuchst du es ohne mich.“ Unvermittelt ließ Babs meine Hand los. 

Plötzlich fiel ich um viele Meter zurück. Doch dann fing ich mich und flog selbstständig. Es war kinderleicht. Ein Glücksgefühl schnürte meine Kehle zu. Jetzt erst sah ich den leuchtend grünen Kondensstreifen hinter Babs. Ich drehte mich um. Auch ich hinterließ eine Spur in der Luft. Meine war knallrot und glitzerte. Aus allen Himmelsrichtungen näherten sich leuchtende Linien der Stadt.

„Manchmal benutzen wir auch die öffentlichen Verkehrsmittel der Lebenden. Besonders für längere Strecken. Zu viel Fliegen ist anstrengend.“, rief sie mir durch den Fahrtwind zu. „Dafür ist aber ganz schön viel los hier oben.“ Ein Netz aus bunten Streifen spannte sich über die City. „Wir sind ja auch viele.“, lachte sie mir zu. Nach wenigen Minuten landeten wir auf dem Fernsehturm. Die Aussicht war der Hammer. Das Lichterspektakel über der Stadt krönte das Panorama. Neben dem Funkmast erwarteten uns zwei Männer. Ein Alter und ein Jugendlicher. 

„So, hier ist sie.“, stellte Babs mich vor. Ihre Schlichtheit hatte etwas Beleidigendes. War ich ein blödes Paket oder was?

„Herzlich willkommen im Nebenraum, Hanna. Mein Name ist Nelson.“ Der Alte streckte mir seine knochige Hand entgegen. Er trug eine historische Uniform mit goldenen Knöpfen und Fransen an den Schultern. Viele Orden zierten seine Brust. 

„Guten Tag, Herr Nelson.“ Ich begrüßte ihn mit einem verhaltenen Knicks. Eine dumme Angewohnheit aus Kindertagen, als ich noch Prinzessin werden wollte. Aber so entzog ich mich wenigstens dem Händedruck. Er lächelte mich milde an.

„Und das hier ist Paul.“ Nelson legte den Arm um den jungen Mann. Dann schob er ihn einen Schritt auf mich zu. Der Typ begrüßte mich mit einer Umarmung. Was fällt dem ein, dachte ich. Trotzdem durchfuhr mich ein angenehmer Schauer. Dann löste ich mich schroff von ihm und musterte ihn. Auch er trug merkwürdige Klamotten: Bundfaltenhose, Sakko mit gekrempelten Ärmeln und auf dem mintgrünen Oberhemd einen schmalen, schwarzen Lederschlips. Bah, voll 80er. Ich fand Retro-Styles schon immer peinlich. Nur seine Frisur gefiel mir; eine kräftige, braune Popper Welle. Und zugegebenermaßen war sein Gesicht gar nicht so übel. Aber das Outfit war durch Nichts zu entschuldigen. 

„Ihr seid wohl die Chefs von der toten Lichtershow. Oder was?“ Himmel, wieso sagte ich so etwas Peinliches? „Wir denken nicht in diesen Hierarchien. Bei uns ist jeder wichtig.“ „Blabla. Irgendetwas unterscheidet euch doch von den anderen Flugakrobaten. Warum sonst schleppt Babs mich zuerst zu euch? “, motzte ich sie weiter an. „Da ist sie wieder: die gute alte Kratzbürste.“, feixte Nelson und sah verschwörerisch zu Paul. „Ja, wir hatten sie schon vermisst.“, gab dieser zu. „Geht‘s noch? Ihr kennt mich doch gar nicht. Ich bin eben erst angekommen. Schon vergessen?“ 

„Nein, aber du hast einiges vergessen. Es wird dir schon wieder einfallen. Bisher ist deine Erinnerung immer zurück gekommen.“, sagte Nelson mit einem vielsagenden Blick zu Paul. Babs blickte sofort zu Boden. „Naja. Ihr müsst es wohl wissen.“, versuchte ich das Thema zu beenden. Ich hasste zweideutige Andeutungen. Aber ich sparte mir weitere Nachfragen. Wir schwiegen ein paar lange Sekunden. Paul durchbohrte mich mit seinen Blicken. Ich sah verlegen zur Seite. Das Netz aus bunten Lichterstreifen am Himmel löste sich zusehends auf. 

„Okay Gruselkabinett! Und wie geht es jetzt weiter?“, drängte ich um Orientierung bemüht. Ich brauchte dringend einen Plan, um das nervöse Zucken meines rechten Auges unter Kontrolle zu bekommen. Sogar als Tote war ich meinen Ticks erlegen. Wenigstens musste ich mich nicht räuspern, was sonst oft genug vorkam. Ich blickte zu Babs und hoffte auf eine Antwort. 

„Hier oben können wir ja schlecht stehen bleiben, oder?“, insistierte ich weiter. Mit einem Klatschen in die Hände demonstrierte ich Aufbruchstimmung. „Die Sonne geht gleich unter.“, klärte Babs mich über eine unabänderliche, alte Tatsache auf.

„Was du nicht sagst. So wie jeden Tag. Und was hat das mit uns zu tun? Geht‘s jetzt zum Gebet?“ „Nein, aber es wird Zeit. Wir müssen uns verbergen.“, erklärte sie schlicht und um wenig Transparenz bemüht. Wie ich das hasste. Diese Schlichtheit. Grr.

„Muss man euch denn alles aus der Nase ziehen?“ „Hab Geduld, meine Liebe.“ „Ich bin nicht deine Liebe.“ „Oh doch, das bist du. Wir sind beste Freundinnen.“ „Warum so hektisch? Haben wir nicht eine unendliche Ewigkeit Zeit, unsere Freundschaft wachsen zu lassen?“ „Richtig, die hatten wir bereits. Wir kennen uns doch schon eine Ewigkeit.“ „Stimmt. Eine gefühlte Ewigkeit. Du gehst mir ziemlich auf die Nerven.“ „Das sagst du immer am Anfang.“ Babs lachte laut und griff plötzlich nach meiner Hand. „Auf Wiedersehen Nelson, tschüss Paul.“ Dann sprang sie vom Fernsehturm und riss mich mit.

Das komplette eBook ist für 1,49 € erhältlich bei amazonapple iTunesgoogle play und epubli.de.

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